Warum sind die Voreinstellungen so gewählt?

Es gibt immer wieder Anwender, die der Meinung sind, dass die Voreinstellungen nicht den Benutzererwartungen entsprechen oder aus sonstigen Gründen nicht optimal gewählt wurden. Manche dieser Einwürfe sind dabei durchaus gut begründet.

KOMA-Script wurde, wie in der Einleitung zur Anleitung erwähnt ist, Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts aus dem LaTeX-2.09-Paket Script 2.0 entwickelt. Zwar hatte ich bereits zu Script 2.0 ein paar Kleinigkeiten beigetragen, insgesamt handelte es sich dabei jedoch um ein Paket von Frank Neukam, der auch alle Design- und Implementierungsentscheidungen traf. Ich selbst traf 1994 die Entscheidung, KOMA-Script möglichst kompatibel zu Script 2.0 zu entwerfen. Das betraf insbesondere auch die Voreinstellungen.

Gleichzeitig musste KOMA-Script bezüglich des Funktionsumfangs erst noch wachsen. 1994 hatte KOMA-Script kaum die Hälfte der Möglichkeiten, die es heute bietet. Einige Dinge wurden also erst im Laufe der Zeit möglich. Die Voreinstellung richtete sich dann nach dem, was zuvor fest eingestellt war, also nach dem Zustand vor Einführung der neuen Möglichkeit. Bei Dingen, die zuvor nicht einmal als Festeinstellung vorhanden waren, habe ich mich an den Benutzeranfragen aus dem Support, am Gesamtbild der Voreinstellungen und in Ausnahmefällen auch an fremden Paketen orientiert.

Wie auch den Entwicklern von LaTeX2e – einschließlich der Standardklassen – war mir Kompatibilität immer wichtig. Soweit möglich sollte ein Dokument nach Jahren mit der dann aktuellen Version von KOMA-Script noch genauso aussehen, wie mit der Version, mit der es ursprünglich erstellt wurde. Bis Version 3.00 galt hier lediglich die Einschränkung, dass die Kompatibilität nicht die Fehlerbeseitigung und Verbesserung behindern sollte.

Während die Umfrage zur Kompatibilität eher gegen eine Abkehr von der Kompatibilitätsregel sprechen, habe ich während des Wechsels von KOMA-Script 2.9 zur Quellcode-Basis von KOMA-Script 3.00 festgestellt, dass andere Paketautoren selbst der Kompatibilität wenig Bedeutung beimessen. Mehrere meiner älteren Dokumente wurden teils erheblich neu umbrochen, obwohl ich versuchsweise nicht nur die Kompatibilitätseinstellung version=first, sondern sogar eine alte KOMA-Script-Version verwendet habe. Damit nützt es also in der Realität wenig, wenn KOMA-Script selbst Dokumente sehr kompatibel umbrechen könnte. Man muss zu diesem Zweck ohnehin alle verwendeten Pakete archivieren. In diesem Fall kann natürlich auch KOMA-Script eingeschlossen werden.

Diese Erfahrung kann jedoch nicht bedeuten, dass nun alle Voreinstellungen auf einen Schlag auf den Prüfstand gestellt und generell geändert werden. Einzelne Voreinstellungen wurden aber bereits geändert (beispielsweise der voreingestellte Seitenstil von Vakatseiten). Bei anderen gibt es Überlegungen in diese Richtung.

Übrigens habe ich bereits in den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts beim Versuch, eine Voreinstellung zu ändern, Schiffbruch erlitten: Weil verschrägte Schriften – in LaTeX \slshape – in der Typografie eher verpönt sind, wollte ich die Kopfzeilenvoreinstellung in kursiv – in LaTeX \itshape – ändern. Die Protestwelle war nach der Release so groß, dass ich die Änderung bereits zur nächsten Release zurückgenommen habe – und damals gab es Releases wesentlich häufiger als heute. Nach dieser Erfahrung überlege ich selbst bei gut begründeten Änderungswünschen zweimal, ob ich diese umsetze.

Trotzdem: Wer einen wohlbegründeten Änderungsvorschlag hat, der kann den unter Vorschläge gerne unterbreiten. Nach Möglichkeit sollte man sich aber auch Gedanken über mögliche Nebenwirkungen machen. Dazu gehört auch die Frage, ob der Anwender einfach zur alten Voreinstellung zurückkehren kann. So würde ich beispielsweise kaum die Größe oder Schrift einer einzelnen Überschriftenebene ändern.

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